Gezeiten / Ratgeber

Gezeiten für Einsteiger: Springtide, Nipptide und Gezeitentabellen

Von Paweł. Aktualisiert am 2026-10-30.

An der Ostsee beträgt der Tidenhub ein paar Zentimeter, und niemand bemerkt ihn. Am Atlantik, im Ärmelkanal und in der Nordsee legt das Wasser alle paar Stunden Hunderte Meter Küste frei und überflutet sie wieder. Dieser Ratgeber erklärt, wie das funktioniert, wann das Niedrigwasser am niedrigsten ist und wie du rechtzeitig zurückkommst.

Woher die Gezeiten kommen

Gezeiten entstehen durch die Anziehungskraft des Mondes und, in geringerem Maß, der Sonne. An den meisten Küsten Westeuropas sind die Gezeiten halbtägig: In einem Tag und knapp einer Stunde gibt es zwei Hochwasser und zwei Niedrigwasser. Das Niedrigwasser kommt also jeden Tag etwa 50 Minuten später. Ist heute um 9:00 Uhr Niedrigwasser, liegt es in einer Woche am Nachmittag.

Wie groß die Gezeiten sind, hängt stark vom Ort ab. In der Bucht des Mont-Saint-Michel und bei den Chausey-Inseln erreicht der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser mehr als zehn Meter. Auf den Lofoten ist er viel kleiner, und in der Ostsee gibt es praktisch keinen. Darum liegen die Orte in diesem Modul nur an Gezeitenküsten.

Springtiden und Nipptiden

Stehen Sonne, Erde und Mond in einer Linie, bei Neumond und Vollmond, addieren sich ihre Kräfte. Das ergibt Springtiden: die höchsten Hochwasser und die niedrigsten Niedrigwasser. Sie treten meist ein bis zwei Tage nach Neu- oder Vollmond auf. Der Name hat nichts mit der Jahreszeit zu tun.

Beim ersten und letzten Viertel des Mondes heben sich die Kräfte teilweise auf. Das sind Nipptiden: Der Tidenhub ist am kleinsten, und der untere Strand fällt gar nicht trocken. Die größten Gezeiten des Jahres treten um die Tagundnachtgleichen im März und September auf.

In Frankreich wird die Größe einer Tide als Koeffizient (coefficient de marée) von 20 bis 120 angegeben. Ab etwa 90 spricht man von grandes marées. Dann füllen sich die Strände der Bretagne und der Normandie mit Menschen, die Eimer tragen.

Was für Sammler am wichtigsten ist: Die besten Tage sind ein Niedrigwasser bei Springtide bei Tageslicht und ruhiger See. Genau diese Zeitfenster sucht unsere Gezeitenprognose.

So liest du eine Gezeitentabelle

Eine Gezeitentabelle nennt die Zeiten und Höhen von Hoch- und Niedrigwasser. In amtlichen Tabellen werden die Höhen ab dem Seekartennull gemessen, das nahe am niedrigsten möglichen Wasserstand liegt. Ein Niedrigwasser von 0,5 m bedeutet also eine viel stärkere Ebbe als eines von 2,0 m. Es kommen auch negative Werte vor, die ein außergewöhnlich niedriges Wasser anzeigen.

Achte darauf, in welcher Zeitzone die Zeiten angegeben sind. Britische Tabellen nennen oft GMT, im Sommer rechnest du also eine Stunde dazu. Wähle den Hafen, der deinem Strand am nächsten liegt, denn in der nächsten Bucht kann das Niedrigwasser Dutzende Minuten früher oder später eintreten.

Quellen für amtliche Gezeitentabellen:

Unser Index bezieht die Gezeiten aus dem Modell von Open-Meteo. Das Modell gibt den Meeresspiegel relativ zum mittleren Meeresspiegel an, nicht zum Seekartennull, daher weichen die Zahlen von den Tabellen ab. Open-Meteo weist außerdem darauf hin, dass diese Daten für die Küstennavigation nicht geeignet sind. Betrachte die Prognose als Hinweis und lege deine Startzeit anhand einer amtlichen Tabelle fest.

Die Zwölftelregel

Das Wasser fällt nicht gleichmäßig. Die Zwölftelregel ist eine einfache Methode, abzuschätzen, wie viel Wasser in jeder Stunde der etwa sechs Stunden zwischen Hoch- und Niedrigwasser abläuft:

StundeAnteil am TidenhubBei 6 m Tidenhub
1.1/120,5 m
2.2/121,0 m
3.3/121,5 m
4.3/121,5 m
5.2/121,0 m
6.1/120,5 m

Die Lehre daraus ist praktisch. Rund um das Niedrigwasser ändert sich der Pegel langsam, du hast also eine ruhige Phase. Zwei oder drei Stunden später steigt das Wasser am schnellsten. Das ist eine Näherung: An vielen Orten, etwa in Buchten und Flussmündungen, sieht die Tidenkurve anders aus.

Sicherheit

Die Gezeiten töten auch Menschen, die das Meer kennen. Im Februar 2004 schnitt die auflaufende Flut in der Morecambe Bay in England eine Gruppe von Herzmuschelsammlern ab. Mindestens 22 Menschen starben. In der Bucht des Mont-Saint-Michel kommt zur schnellen Flut noch Treibsand hinzu. Zur Gezeiteninsel Worm's Head in Wales kannst du nur etwa 2,5 Stunden vor und nach Niedrigwasser gehen, und Rettungskräfte holen jedes Jahr Menschen von dort ab.

Hast du die Gezeiten verstanden, geh weiter zum Ratgeber über Rockpooling.

Quellen

Verpasse das nächste Zeitfenster nicht

Die besten Zeitfenster dauern nur wenige Stunden: nach einem Sturm, nach Regen, in einer klaren Nacht mit aktiver Sonne. Melde dich an, und wir schreiben dir, sobald der Index an deinen Orten über 60 steigt.